Zug vs. Flug: Die TO haben das Nachsehen (Ausgabe 2007-14)

Jean-Claude Raemy über Zug statt Flug

Zu Zeiten prohibitiver Flugpreise reiste man normalerweise in gut sechs Stunden in nicht sehr komfortablen Bahnwagen von Zürich nach Paris. Mit dem Auto ging es gleich schnell, doch wer wollte sich den Pariser Verkehr antun? Mit dem Aufkommen der Low Cost Carrier und dem Preiszerfall der Flugtarife wurden kurze, günstige Städtereisen nach Paris möglich. Das Flugzeug war nun übliches Transportmittel – schnell, preiswert, sexy. Da nahm man auch den langen Weg von Roissy-CDG oder allenfalls Orly ins Pariser Stadtzentrum auf sich.

Die Bahn hat nun wieder gekontert. Mit der Eröffnung des TGV Est am 10. Juni dauert die Bahnreise ab Zürich in die französische Hauptstadt nur noch 4h35 (statt bisher 5h50), und ab Basel 3h20 (statt 4h55). Dank weiterer Verbesserungen wird es ab 2012 sogar nochmals 30 Min. schneller gehen. Der TGV verkehrt zwei Mal täglich in beiden Richtungen ab Zürich, ab Dezember dann sogar drei Mal täglich. Das ist auch für Geschäftskunden interessant.

Preislich lohnt es sich auch: Eröffnungstarife gibt es im Juni ab 32 Franken. Oder schon jetzt: Ein Augenschein bei Airlines brachte als beste Tarife für Osterferien in Paris CHF 214 (mit Air France ab Zürich oder Basel) und CHF 257 (mit Easyjet ab Basel) hervor. Mit dem TGV kostet es 114 Franken, dauert aber noch deutlich länger.

Wie auch immer sich die Kunden entscheiden: Auf der Strecke bleiben im Kampf Zug vs. Flug die Veranstalter und Reisebüros. Die Bahnen haben von den Airlines gelernt: TGV-Angebote lassen sich online buchen; auch Last Minutes sind verfügbar. Dasselbe gilt für ICE. Und die Bahnnetzwerke werden europaweit verdichtet (der TGV Est umfasst auch Strecken nach Deutschland). Selbst beim Bordprodukt halten die Bahnen qualitativ wieder mit.

Die Transportunternehmen finden vermehrt den direkten Zugang zum Endkunden. Diese suchen sich dann noch ein Hotel, ebenfalls auf einer Webplattform, und schon steht die Städtereise. Kein Wunder, ist das TO-Geschäft mit Städtereisen eingebrochen, zumindest nach gut erschlossenen Metropolen wie Paris und London. Dort müssen Veranstalter entweder Zusatznutzen (Event-Tickets etc.) einbringen können oder aber äusserst kompetente Hotelberatung. Viel Aufwand für ein margenschwaches Business. Gute Kunden sind wohl nur noch jene, die zu faul für das Internet sind und sich die Zusammenstellung der Reise etwas
kosten lassen.