Cruise-Update: Gewaltige Ambitionen von MSC Cruises, die neuen Cruiselines und eine Boutique-Reederei im Aufwind

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MSC Cruises will Passagier-Zahlen verdoppeln

Gianni Onorato, CEO von MSC Cruises, äussert sich nur selten in den Medien. Entsprechend von Interesse ist deshalb das Interview, das er kürzlich dem Westschweizer Wirtschaftsmagazin «Bilan» gab.

«Die Kreuzfahrt ist einer der wenigen Sektoren, in denen die Nachfrage höher ist als das Angebot», erklärte Onorato und wies darauf hin, dass das globale Wachstum der Industrie jährlich zwischen fünf und sieben Prozent betrage.

Es sei aber nicht einfach, das Angebot rascher an die Nachfrage anzupassen: «Die Produktionskapazität ist begrenzt, denn es gibt in Europa nur drei Werften, die auf den Bau von grossen Kreuzfahrtschiffen spezialisiert sind».

Er sprach damit die prallen Auftragsbücher von Fincantieri (Italien, div. Standorte), den Chantiers de l’Atlantique (Saint-Nazaire, Frankreich) und der Meyer Werft (Papenburg Deutschland und Turku Finnland) an.

Allein MSC Cruises, inzwischen mit einer Flotte von 23 Schiffen hinter Royal Caribbean (28 Schiffe) und Carnival (27 Schiffe) die drittgrösste Reederei der Welt, hat über die nächsten zehn Jahre zehn grosse Neubauten in der Pipeline.

Einerseits wurden in Saint-Nazaire (F) insgesamt sechs weitere World-Klasse-Einheiten bestellt (bisher MSC World Europa, MSC World America), die bis 2031 ausgeliefert werden. Die Nummer 3, die World Asia (216’000 BRZ, 6000 Pax), startet im kommenden Dezember.

Und erst kürzlich hat MSC Cruises mit der deutschen Meyer Werft den Bau von vier Einheiten einer neuen Bauklasse vereinbart (New Frontier, 180’000 BRZ, 5400 Pax), die ab 2030 jährlich zur Auslieferung kommen soll. Zudem besteht eine Option für zwei weitere Schiffe dieser Serie.

Gianni Onorato, CEO MSC Cruises ©MSC

Rechnerisch werden die Kapazitäten von MSC Cruises somit bis 2033 um rund 60 Prozent, resp. 47’500 Betten anwachsen. Onorato schloss aber nicht aus, dass ältere Einheiten wegen zu grossem Renovationsaufwand (auch im Zusammenhang mit neuen Vorschriften) die Flotte verlassen könnten.

Die Zielsetzung von MSC Cruises ist jedoch klar: «Heute befördern wir jährlich fünf Millionen Passagiere, davon 85’000 pro Tag, und wir streben an, diese Zahl in den nächsten sieben bis acht Jahren zu verdoppeln», erklärte Onorato gegenüber «Bilan».

Zur Entwicklung der Kreuzfahrten sagte der MSC-CEO weiter: «Das Durchschnittsalter unserer Passagiere beträgt derzeit 43 Jahre. Als ich anfing, lag diese Zahl bei etwa 70». Als weiterer Trend wies er darauf hin, dass immer häufiger mit der erweiterten Familie gereist wird.

«Vor dreissig Jahren waren Kreuzfahrten eigentlich nur wenigen Leuten vorbehalten. Heute ist der Sektor für alle offen und eine Möglichkeit, Erfahrungen und Gefühle zu teilen», sagte Onorato.

Der MSC-Chef bestätigte zudem den Bau eines neuen, MSC-eigenen Terminals in Barcelona. Dies, nachdem MSC im letzten Frühling für über 400 Millionen US-Dollar den weltweit grössten Kreuzfahrtterminal in Miami in Betrieb nahm.

In Sachen Umwelt unterstrich Onorato das Ziel, bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen: «Alle neuen Schiffe, die wir bauen, werden mit LNG angetrieben, der die CO2-Emissionen um 25 Prozent reduziert». Die Motoren seien zudem bereit, auch Biokraftstoffe zu nutzen, sobald diese in grossem Massstab verfügbar sind.

Den wachsenden Wettbewerb durch neue Player fürchtet Onorato nicht, denn der Wettbewerb sei in einem wachsenden Sektor viel leichter zu bewältigen. Dabei spiele auch die Position von MSC Cruises als einziger grosser europäischer Akteur eine Rolle.

Entscheidend sei zudem, dass MSC Cruises als Teil einer grossen und soliden Finanzgruppe die Fähigkeit habe zu investieren und sich zu positionieren. «Und die Familienstruktur des Unternehmens bedeutet, dass wir nicht unter Druck durch kurzfristige Renditen stehen», so Gianni Onorate.

Diese neuen Cruiselines nehmen Fahrt auf

 

Luxus-Megayacht Four Seasons I ©Four Seasons

 

Auch wenn der Grossteil der globalen Kreuzfahrten durch die vier grossen Konzerne Carnival Corporation, Royal Caribbean Group, MSC Group und Norwegian Cruise Line Holdings und ihre verschiedenen Marken dominiert wird, so wagen sich doch stets wieder neue Anbieter in den Markt.

In diesem Jahr sind es vor allem zwei bekannte Hotelmarken, die – wie bereits berichtet – neu auf das Wasser expandieren: Four Seasons sticht im März mit ihrer ersten Luxus-Megayacht Four Seasons I (20’000 BRZ, 190 Pax) erstmals in See. 2027/28 soll ein erstes Schwesterschiff folgen.

Im Mai 2026 startet Orient Express (Accor) mit einem ersten modernen Luxus-Grosssegler Corinthian (30’000 BRZ, 108 Pax), der die «Goldenen Zeiten des Reisens» modern umgesetzt aufleben lassen will. Ein Schwesterschiff, die Olympian, folgt 2027.

Im Sommer 2027 wird zudem Aman at Sea debütieren: Das Joint-Venture von Cruise Saudi und der Aman Group startet mit einer ersten Luxusyacht Amangati (94 Pax), die auf der T-Mariotti-Werft im Bau steht und «ultra-Luxus» verspricht.

Nebst diesen spannenden Newcomern sind auch neue Anbieter im Gespräch, die sich wohl eher auf regionale und Nischen-Märkte konzentrieren. So wurde kürzlich das neue Projekt Corazul Cruceros vorgestellt, eine – wie einst Pullmantur – auf den spanischen Familienmarkt ausgerichtete Reederei (Bordsprache Spanisch).

Bereits im Juli soll es ab Barcelona im Mittelmeer losgehen, im Winter sind Fahrten in der Karibik (ab DomRep) und Südamerika geplant. Zum Einsatz kommen soll das 2000-Pax-Schiff Buenavista. Auguren gehen dabei von der ehemaligen Oriana (ex-P&O) aus, die zuletzt für Astro Ocean in China im Einsatz war.

Ein weiteres neues Projekt plant die mexikanische Hotelgruppe Vidanta World. Im Aoril soll es mit der Secondhand-Einheit Vidanta World’s Elegant (300 Pax, ex-Crown Monarch, Voyager) mit Fahrten im Mittelmeer und weltweit losgehen.

Ein neuer australischer Expeditionsanbieter will gegen Ende Jahr Fahrt aufnehmen: Terra Nova Expeditons setzt dazu ein illustres Schiff ein, nämlich das einstige Kombischiff RMS St. Helena, das jahrelang die Verbindung zwischen Südafrika und St. Helena sicherstellte. Geplant sind unter anderem Antarktis-Expeditionen.

Schliesslich noch der Hinweis auf ein Projekt, das in Russland mit staatlichem Geld entwickelt werden soll: Geplant sind Kreuzfahrten im Fernen Osten Russlands ab Vladiwostok nach Sakhalin, den Kurilen und Kamtchaka. Durchaus eine interessante Idee – falls sich die geopolitische Lage für internationale Gäste verändern wird.

 

Windstar – eine Boutique-Reederei startet durch

 

Neue Star Seeker von Windstar. ©Winstar

 

Am 15.Januar taufte die amerikanische Boutique-Reederei Windstar Cruises ihren Neuzugang Star Seeker. Bei diesem 9934-BRZ-Neubau für 228 Pax handelt es sich um die fünfte Einheit der auf der portugiesischen West Sea-Werft gefertigten World-Serie für Mystic Invest (Lissabon).

Ursprünglich war die Star Seeker für Atlas Ocean, den US-Anbieter von Mystic, vorgesehen, wurde aber schon während der Bauphase an Windstar verkauft. Bei Atlas sind drei der bisherigen World-Schiffe im Einsatz: World Voyager (Baujahr 2020), World Navigator (2021) und World Traveller (2022).

Die erste Einheit, die 2019 erbaute World Explorer, ist noch bei Quark Expeditions als Charter im Dienst. Sie wurde aber ebenfalls von Mystic verkauft und wird im Dezember als Star Explorer zur Windstar-Flotte stossen.

Mit diesen zwei Neuzugängen wird sich die Flotte von Windstar Cruises bis Ende Jahr auf beachtliche acht Schiffe erhöhen. Dabei wird zwischen zwei Produkte-Linien unterschieden: Drei Einheiten sind spezielle Segel-Cruiser der Wind-Klasse, bald sechs Einheiten bilden die Star-Klasse feiner Megayachten.

Windstar startete ihre Aktivitäten 1986 mit dem neuen, in Le Havre erbauten Segel-Cruiser Wind Star (5700 BRZ, 148 Pax). Bereits ein Jahr später stiess die neue, baugleiche Wind Song zur Flotte, 1988 folgte die Wind Spirit.

Ein dramatisches Schicksal ereilte im Dezember 2002 die Wind Song. Während einer Südsee-Fahrt geriet der Maschinenraum in Brand, alle Passagiere und Crew konnten gerettet werden, doch das Schiff musste im Januar 2003 versenkt werden.

Geplant war auch der Bau von zwei weiteren, grösseren Seglern, doch dazu kam es nicht mehr: 1988 wurde Windstar an Holland America Line verkauft, die ein Jahr später von Carnival übernommen wurde. Dort hatte man kein Interesse mehr an einer weiteren Expansion von Windstar.

Die zwei geplanten Segler (14’700 BRZ, 310 Pax) wurden gleichwohl in Le Havre gebaut und gingen als Club Med I und II an den französische Club-Anbieter. 1998 konnte Windstar aber die Club Med 1 übernehmen und nannte sie in Wind Surf um.

Alle drei hübschen Boutique-Schiffe der Wind-Klasse, bei denen die Segel auf Knopfdruck gehisst werden, sind heute noch bei Windstar als «Stammflotte» im Einsatz, erfreuen sich grosser Popularität und werden bis 2027 modernisiert.

Recht turbulent entwickelten sich danach die Eigentumsverhältnisse: Bei Carnival passte die Nischenreederei nicht mehr ins Portfolio, Windstar wurde 2007 an das US-Reise- und Event-Unternehmen Ambassadors International verkauft. Doch damit verschluckte sich Ambassador und musste 2011 Insolvenz anmelden.

Im Rahmen einer Auktion ging Windstar Cruises an den amerikanischen Milliardär Phil Anschutz über (Anschutz Corporation), der die Reederei in seine Hospitality- und Reisesparte Xanterra Travel Collection (u.a. US-Nationalparks) integrierte – bis heute wohl ein Glücksfall für Windstar.

Denn unter der neuen Eigentümerschaft ging es wieder vorwärts: 2014/15 konnte Windstar drei Seabourn-Schiffe übernehmen: Die Star Pride (Seabourn Pride, erbaut 1988), Star Breeze (Seabourn Spirit, 1988) und Star Legend (Seabourn Legend, 1990). Alle drei Schiffe wurden 2019/20 verlängert und modernisiert.

Damit entstand die zweite Produkte-Linie von Windstar, die Star-Klasse eleganter 13’000-BRZ All-Suiten-Megayachten für je 312 Passagiere. Auch diese drei Einheiten sind heute unverändert tragender Bestandteil der Flotte.

Nun erfolgt also mit den zwei etwas kleineren World-Schiffen Star Seeker, dem ersten Neubau für Windstar seit den zwei ersten Seglern, und bald der weitgehend identischen Star Explorer, der nächste Schritt und der Ausbau der Star-Klasse.

Windstar hat sich längst mit spannenden Small-Ship-Routen in der Karibik, nach Costa Rica, durch den Panamakanal, in Alaska, Kanada/Neuengland, im Mittelmeer, nach Japan, im Südpazifik (ganzjährig in Tahiti) und in Asien einen Namen gemacht – auch bei einem reiselustigen, international orientierten europäischen Publikum.

Beat Eichenberger