Die letzte Reise der Costa Concordia (Ausgabe 2014-30)

Bewunderung nach Schock

Wenn alles nach Plan verläuft und das Wetter mitmacht, ist die Costa Concordia inzwischen auf ihrer letzten Reise. Das Wrack wird vom Unglücksort vor Giglio nach Genua abgeschleppt, wo es auf der Werft San Giorgio del Porto verschrottet wird – die letzte Etappe einer nunmehr über zweijährigen beispiellosen Operation. Die Spezialisten des Bergungsunternehmens Titan Microperi mussten den schwer beschädigten, auf einem Felsvorsprung aufliegenden Schiffskörper zuerst aufrichten und dann schwimmfest machen – wohlgemerkt: Es geht dabei um einen 112000 BRZ-Giganten. 

Die Havarie der Costa Concordia vom 13. Januar 2012, bei der 32 Menschen ihr Leben verloren, war ein Schock. Während Jahrzehnten musste zuvor die Kreuzfahrt-Industrie kein ähnlich tragisches Unglück beklagen. Die Kunden-Nachfrage nach Schiffsreisen erlitt in der Folge einen Dämpfer, der sich allerdings im Rahmen hielt: Da es ursächlich aller Voraussicht nach um menschliche Fahrlässigkeit ging, konnte die Katastrophe eingeordnet und einem «Sündenbock» zugeordnet werden. Auch die Aktie von Carnival Corporation, der Muttergesellschaft von Costa, erholte sich nach einem Einbruch relativ rasch und lag bereits im Juli desselben Jahres wieder auf dem Stand wie vor dem Unglück.

Auch jetzt, wo die Costa Concordia wieder in allen Medien thematisiert wird und eigentlich schlimme Erinnerungen weckt, dürften kaum negative Auswirkungen auf das touristische Produkt Kreuzfahrten zu erwarten sein – eher im Gegenteil: Die Bergung des verunglückten Megaliners ist (Stand heute) eine herausragende technische Meisterleistung, die das Vertrauen in die Machbarkeit stärkt und letztlich Bewunderung erntet. Allerdings: Die geschätzten Kosten für die Operation von rund 1,5 Milliarden Euro liegen fast drei Mal höher als der Betrag, den das neue, stolze Schiff einst gekostet hat. Dass der Aktienkurs von Carnival Corp. in letzter Zeit einbrach, könnte auch mit diesen Perspektiven zusammenhängen. 

Beat Eichenberger