Für die Top-Shots der deutschen Cruise-Szene schienen die Bäume am 4. Kreuzfahrt Kongress in Hamburg in den Himmel zu wachsen. Deutschland werde über kurz oder lang Grossbritannien als grössten Cruise-Markt Europas ablösen, jubelte mehr als ein Referent. Gleichzeitig erreichen uns beinahe im Wochentakt negative Meldungen aus eben diesem Markt: Sowohl die Betreibergesellschaften der beliebten Astor (Transocean) wie des TV-Traumschiffs Deutschland (Deilmann) mussten Insolvenz anmelden, und dasselbe tat weniger überraschend auch Passat Kreuzfahrten, die Vertriebsgesellschaft der Delphin. Schon zuvor hat Ambiente Kreuzfahrten eröffnet, dass man die Aktivitäten einstellen werde.
Was auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint, entbehrt nicht der üblichen Logik eines Marktes im Konsolidierungsprozess: Die Entwicklung in Deutschland wird vor allem durch die in den letzten Jahren auf zehn Einheiten gewachsene Flotte von Aida und in zunehmendem Masse auch von TUI Cruises getrieben, die ebenfalls die Flotte massiv erweitert. Daneben positionieren sich natürlich auch Costa und MSC gut im Markt, ebenso einzelne amerikanische Grossreedereien.
Diese Wettbewerbslage macht es für die exklusiv auf die deutschsprachigen Märkte ausgerichteten 1-Schiff-Anbieter zunehmend schwieriger, mit ihren meist älteren und kleineren Einheiten mitzuhalten. Die auf Volumen ausgerichteten Marktdominatoren mit ihren neuen Einheiten setzen nicht nur für das Cruise-Publikum neue Produkte-Standards, sondern können vor allem Skaleneffekte erzielen, von denen der Betreiber eines einzigen Schiffes nur träumen kann.
Um die Zukunft der Deutschland und der Astor wird derzeit gekämpft was mit der Delphin geschieht, steht in den Sternen. Gespannt darf man sein, wie weitere 1-Schiff-Anbieter wie FTI Cruises (Berlin), Plantours (Hamburg) oder Hansa Touristik (Ocean Majesty) dem wachsenden Konsolidierungsdruck trotzen.
Beat Eichenberger



