«Die Front in der Schweiz wird halten – davon ich überzeugt» (Ausgabe 2008-17)

SRV-Präsident Hans-Jörg Leuzinger äussert im Interview mit TRAVEL INSIDE seine Ansicht zum neuen Vertriebsmodell von Swiss und Lufthansa.

Herr Leuzinger, in den nächsten Tagen
wird Swiss die Verträge zum Vorzugspreismodell verschicken. Wie soll
sich ein Reisebüro verhalten, dessen Kunden auf den Vorzugspreisen
bestehen?

Die Frage nach den stark umstrittenen «Vorzugspreisen» stellt
sich insofern ja noch gar nicht, als dass solche in der Schweiz erst ab
1. Oktober dargestellt werden sollen. Wenn es überhaupt dazu kommen
sollte, so lasse ich mich gern nochmals zu diesem Punkt und zu einer
möglichen SRV-Empfehlung befragen. Bis dahin halte auch ich selber mich
ganz klar an das vom SRV und den Verbänden in Deutschland und
Österreich bereits mehrfach empfohlene Vorgehen: Vertrag nicht
unterzeichnen und zu den Akten legen. Damit hat man – auch als
KMU-Betrieb – sicher noch nichts falsch gemacht.

Wird die starke Reisebüro-Front in der Schweiz halten, auch wenn Swiss die Verträge verschickt hat?

Die Front in der Schweiz wird halten – davon bin ich fest
überzeugt. Zum Glück haben die Reisebüros erkannt, dass sie in einem
beispiellosen Prozess vor den Karren der Lufthanseaten und deren
Tochter Swiss gespannt werden sollen und dabei den Buckel herhalten
müssten für eine versteckte Preiserhöhung. Die Zeche werden die
Flugpassagiere von Swiss und Lufthansa zu tragen haben. Stellen Sie
sich vor, es gäbe «Vorzugspreise» und niemand will sie…

STAR-Präsident Luc Vuilleumier stellt
sich voll hinter den SRV. Wie wichtig ist dies für Sie? Sehen Sie sich
in erster Linie als Vertreter Ihrer SRV-Mitglieder oder aber von allen
Schweizer Reisebüros?

Neben zahlreichen Reisebüros aus allen Sparten haben sich auch
viele lokale Vereinigungen aus allen Sprachregionen der Schweiz zu
jenem Thema geäussert, welches seit dem 17. Januar 2008 die Gemüter der
Reisebranche erhitzt. Nun hat sich vor kurzem auch die STAR-Vereinigung
klar und unmissverständlich hinter die Strategie des SRV gestellt.
Insofern darf der SRV für sich in Anspruch nehmen, praktisch die ganze
Branche hinter sich zu wissen, im Kampf gegen die Einführung eines
«Vorzugspreismodells», das in Wirklichkeit einem Gebührenmodell
entspricht. Insofern sehe ich den SRV und mich weiterhin im Einsatz für
die Anliegen der Reisebüros und freue mich natürlich – in meiner
Tätigkeit als SRV-Präsident – eine Branchensolidarität zu erleben,
deren Ausmass inzwischen fast «historischen Charakter» angenommen hat.

Wird der SRV weiter mit Swiss und Lufthansa verhandeln? Was geschieht konkret?

Es ist nicht etwa so, dass keine Gespräche mehr stattfinden,
aber die Fronten haben sich spürbar verhärtet. Der Druck von Lufthansa
Frankfurt auf Swiss ist offensichtlich gewachsen, und unter diesem
Aspekt sind auch die Verhandlungen mit Vertretern der Swiss in Zürich
schwieriger geworden. Swiss hat vor einigen Wochen einmal signalisiert,
dass sie eine «Lösung Schweiz» nicht völlig ausschliesse. Sie hat es
aber bisher leider unterlassen, zu präzisieren, was damit gemeint sein
könnte oder zumindest ein Zeichen zu geben, damit man in Gesprächen
einen Schritt weiterkommen könnte. So werde ich nun wohl Herrn Harry
Hohmeister bei nächster Gelegenheit konkret nochmals darauf ansprechen
müssen.



Wie gross schätzen Sie die Chancen ein, dass es eine solche «Schweizer Lösung» geben wird?


Die Chancen dazu sehe ich noch intakt. Nicht zuletzt der
Tatsache wegen, dass die Märkte in Deutschland und in der Schweiz doch
sehr verschieden sind und auch gewisse Bedürfnisse und Gegebenheiten in
der Schweiz unterschiedlich zu bewerten sind. Wenn die «Lösung Schweiz»
aus der Sicht von Swiss allerdings darin bestehen sollte, dass wir über
die Höhe von Gebühren diskutieren oder in die Verhandlungen mit den GDS
mit einbezogen werden sollten, dann sehe ich offen gesagt wenig Erfolg
für eine baldige Einigung.

Wäre ein Opt-in-Modell grundsätzlich
eine Alternative zum Vorzugspreismodell? Wie gross ist die Chance eines
solchen Modells in der Schweiz?

Wenn man sich das Ziel vor Augen hält, mit dem LX/LH ihr
«Vorzugspreismodell» verknüpfen, und wenn man sich mit der Art und
Weise auseinandersetzt, wie ein unsägliches «Vorzugspreis-Modell»
eingeführt werden soll, dann sehe ich in einem Opt-in-Modell nicht
wirklich eine Alternative. Es ist aber natürlich nicht der SRV, der
darüber entscheidet, sondern der Markt. Bei neutraler Betrachtung kann
ich mir vorstellen, zumindest einmal über ein Opt-in-Modell zu
sprechen. Dabei müsste als Grundsatz von allen Parteien akzeptiert
sein, dass nicht allein die Reisebüros einmal mehr zur Kasse gebeten
werden.

Was erwarten Sie in der festgefahrenen Situation konkret von Swiss und Lufthansa?

Swiss hat am 17. Januar 2008 offiziell verlauten lassen, dass –
wenn sich «nichts bewegt» – die neue Tarifstruktur per 1. Oktober 2008
in der Schweiz eingeführt werde. Und es hat sich in der Tat bis heute
nichts bewegt, ausser eben die Reisebüros, welche sich gegen ein
verwerfliches Vorhaben massiv zur Wehr setzen.
Lufthansa hält sich in der Schweiz gänzlich raus aus den Gesprächen mit
dem SRV. Swiss ihrerseits hat sich in den letzten Wochen rar gemacht,
spielt auf Zeit und hofft wohl vergeblich, dass der Widerstand in der
Schweiz gelegentlich zusammenbrechen würde. Das wird aber weder in der
Schweiz passieren, noch in Österreich. Und auch nicht in Deutschland,
wo sich – entgegen verschiedener Presseberichte – nach wie vor eine
deutlich überwiegende Zahl an Reisebüros gegen das «Vorzugspreismodell»
auflehnt.
Wie ich in verschiedenen Meetings in Frankfurt selber schmerzlich habe
feststellen müssen, hat sich Lufthansa zwischenzeitlich als
verlässlicher Partner der Reisebüros verabschiedet und ist daran, sich
selber und auch ihrer Tochter Swiss damit einen massiven Image-Schaden
zuzufügen. Noch bleibt eine kleine Hoffnung, dass die Verantwortlichen
in Frankfurt vielleicht nach dem 1. Juli zur Vernunft gelangen und
damit den Weg zu neuen Verhandlungen ebnen könnten. Swiss wäre zu
wünschen, dass Lufthansa Frankfurt einen Marschhalt bewilligt und
zumindest die Option offen lässt, transparenter über die von Swiss als
Möglichkeit erwähnte «Lösung Schweiz» zu verhandeln.

Was erwarten Sie von den GDS?

Von den GDS erwarte ich, dass sie dem Fremdvertrieb in jedem
Fall den Full Content sicherstellen, dort im Besonderen, wo bilaterale
vertragliche Abmachungen mit den Airlines dies so auch vorsehen. Weder
der SRV noch die Reisebüros würden es goutieren, wenn zum Nachteil des
Fremdvertriebes irgendwo Vertragsbruch durch die eine oder andere
Partei geortet werden sollte. Die Reisebüros haben in den bilateralen
Verhandlungen zwischen Airline und GDS nichts verloren und sollten sich
tunlichst raushalten. Jegliche Versuche, wenigstens etwas Transparenz
in diese hart verhandelten und erst danach unterzeichneten Verträge zu
bringen, sind bisher kläglich gescheitert. Und die von Lufthansa und
Swiss portierten Zahlen stehen im absoluten Gegensatz zu jenen der GDS.
Zu beurteilen vermag dies niemand, eben weil jegliche Transparenz
verweigert bleibt.

Denken Sie, dass die Schweiz,
Deutschland und Österreich für Swiss und Lufthansa nur eine Art Test
ist, der – falls erfolgreich – auf ganz Europa oder gar weltweit
ausgedehnt werden könnte?

Ja gewiss, daran denke ich! Sollte sich Lufthansa wirklich
durchsetzen können, was nicht nur nach meiner persönlichen Beurteilung
verheerende Folgen für den Trade hätte, würde wohl die ganze Welt in
den fragwürdigen Genuss eines «Vorzugspreismodells» kommen.
Es ist ein Modell, das massiv in langjährig bestehende Strukturen
einwirkt. Ein Modell, das Prozesse, mit denen die Reisebüros heute
effizient arbeiten können, in solche umwandelt, die den Wettbewerb
verzerren und die dem Fremdvertrieb in jeder Beziehung Mehraufwand
bescheren. Einmal ausgelagerte GDS-Gebühren würden zudem mit Sicherheit
sehr bald und massiv ansteigen, allein schon weil neue
Back-Office-Lösungen erforderlich sind. Lösungen, von denen bis heute
noch kein Mensch weiss, wie sie aussehen werden, geschweige denn, was
sie kosten sollen. Die GDS werden solche Lösungen mit Sicherheit nicht
gratis erarbeiten. Und so wird es auch kaum bei einer Segment-Gebühr
von CHF 8 bleiben.
Auf gezielte Fragen dazu haben bisher weder Lufthansa Frankfurt noch
Swiss je Stellung genommen. Eine weitere Gefahr sehe ich darin, dass
Lufthansa (mit Swiss im Schlepptau) auf die Idee kommen könnte, auch
andere Kosten auszulagern. Wenn der Weg dazu einmal geebnet ist, sind
der Fantasie kaum mehr Grenzen gesetzt. Deshalb muss man sich dagegen
zur Wehr setzen!



Was wollen Swiss und Lufthansa Ihrer Meinung nach mit dem Vorzugspreismodell erreichen?


Die fast unglaubliche Geschichte mit den GDS-Gebühren, die aus
dem Ticketpreis herausgenommen und – verpackt in ein
«Vorzugspreismodell» – zum Fremdvertrieb ausgelagert werden sollen,
kann auch als strategisches Ablenkungsmanöver gelten.
Alles beschäftigt sich hauptsächlich mit GDS-Gebühren und den
Prozesskosten. Bisher sprechen aber nur wenige offen davon, dass die
Lufthanseaten, Kraft ihrer Marktstellung, den Versuch lancieren,
bisherige Abläufe und Marktgegebenheiten ins Wanken zu bringen, um ihr
Produkt Lufthansa – vorbei an den Reisebüros und mit grossem Vorsprung
zu den anderen Airlines – in den Märkten neu und unwiderstehlich zu
positionieren.
Erstaunlich allemal, wie sich alle anderen Airlines in auffallender
Zurückhaltung üben. Aber vielleicht haben ja andere Allianzen die
stillen Pläne eines Thierry Antinori und seiner Mannschaft auch
durchschau…

Chris Probst