Die Touroperators, die Bahnunternehmen und die Airlines erleben die
Konkurrenz zwischen Flugzeug und Zug auf unterschiedliche Art und Weise.
Bei Railtour konnte Liliane Rotzetter keinen drastischen Anstieg der
Bahnreisen feststellen, welcher auf die erhöhten Treibstoffzuschläge
und die teurer werdenden Flugreisen zurückzuführen wäre: «Die hohe
Nachfrage nach Bahnreisen ist bei Railtour schon durch den Firmennamen
vorbestimmt. Nur bei etwa zwei bis drei Prozent der Buchungen handelt
es sich um Reisen im Flugzeug.» Der TGV-Est habe zwar einen Paris-Boom
ausgelöst, allerdings nicht auf Kosten der Flugbuchungen. Dennoch ist
sie überzeugt: «Die Bahn hat eine grosse Zukunft, das alles ist erst
der Anfang.»
Auch bei Frantour nimmt man noch keine signifikante Verschiebung der
Transportmittel wahr. Sigrid Raetzo, Marketingverantwortliche von
Frantour, ist jedoch überzeugt, dass die Bahnreisen durch den Ausbau
des Hochgeschwindigkeitsnetzes künftig an Attraktivität gewinnen
werden. «Man kann in der Tat mitverfolgen, wie bei einer Distanz bis
600 Kilometer der Zug immer mehr an Attraktivität gewinnt. Der Kunde
wird die beiden Transportmittel in Zukunft sicher noch mehr
vergleichen.» Auf gewissen Strecken sei die Zugreise durchaus eine
Konkurrenz zum Flug. Für Zugreisen sprechen die vielen kurzfristigen
Kerosinzuschläge und die erhöhte ökologische Sensibilität.
Für Cornelia Gemperle, Verantwortliche für Städtereisen bei Kuoni,
kommt es auf die Destination an. «Für Paris gab es einen generellen
Zuwachs, der sich nicht negativ auf die Anzahl der Flugbuchungen
ausgewirkt hat. Die Flugtarife und -taxen sind heute noch zu günstig,
als dass es eine drastische Verlagerung hin zum Zug geben könnte», so
Gemperle. Sie sieht eher den Zeitfaktor als Grund für eine Reise im
Zug, da der Preis noch zu hoch ist, um die Fliegerei ernsthaft zu
konkurrenzieren.
Ähnlich sieht dies Erich Schneeberger, Product Manager Cities von TUI
Suisse: «Wir merken nichts von der Taxen-Thematik.» Ausserdem seien die
Taxen auf den kurzen Städtedistanzen relativ niedrig. Attraktiv sei der
Zug aber durch den Komfort, beispielsweise das W-Lan im TGV Lyria
allerdings nur im Zeitradius von fünf Stunden. Die Fliegerei hingegen
büsst durch die langen Wartezeiten und strikten Sicherheitskontrollen
an Attraktivität ein.
Pino Andreano, Leiter Städtereisen von Hotelplan, stellt im Vergleich
zu den andern Veranstaltern eine Steigerung der Bahnbuchungen von rund
einem Drittel fest. «Die zusätzlichen Bahnbuchungen gehen zulasten von
Flug- und Nur-Land-Buchungen. Die Bahn ist bereits eine Konkurrenz und
diese wird in Zukunft auch noch stärker», so Andreano. Für ihn ist der
Zeitfaktor ausschlaggebend, ob eine Destination mit dem Zug oder mit
dem Flugzeug bereist wird. «In Destinationen im Zeitradius von vier
Stunden wird in der Regel mit der Bahn gefahren. Dass der Zug
komfortabler wurde, spielt dabei sicherlich auch eine Rolle.»
Für Thierry Müller, Leiter Markt Schweiz von TGV Lyria, ist klar, dass
die TGV-Buchungen zwischen der Schweiz und Paris auf Kosten der
Flugreisen gehen. «Unser Marktanteil ab Basel beträgt 65 Prozent und ab
Zürich 58 Prozent.» Vor allem Geschäftskunden folgen dem Trend. «Der
Zug wird noch zulegen, vor allem bei Fahrten unter fünf Stunden.
Ausserdem sind wir in über 90 Prozent der Fälle preisgünstiger als das
Flugzeug», sagt Müller. Die Zugpreise werden aber in Zukunft noch
weiter ansteigen, denn mit steigender Passagierzahl steigen auch die
Kosten.
Laut den Reiseveranstaltern wie auch TGV Lyria machen sich erste Trends
in Richtung Bahnreisen erkennbar. Allerdings erst langsam und ausserdem
nur auf Strecken bis maximal fünf Stunden. Der künftige Ausbau des
Schienennetzes wird die Reichweite der Hochgeschwindigkeitszüge in
dieser Zeitspanne allerdings weiter vergrössern und den Druck auf die
Airlines verstärken.
Airlines reagieren unterschiedlich auf die Zug-Konkurrenz
Bei Swiss stellte man noch keine signifikante Veränderung im
Buchungsverhalten fest, die sich auf neue oder verbesserte Angebote der
Bahn, zum Beispiel auf der Strecke von Basel beziehungsweise Genf nach
Paris, zurückführen liesse. «Swiss ist eine Netzwerkgesellschaft, die
zahlreiche Passagiere über ihr Drehkreuz Zürich transportiert. Ein
nicht unwesentlicher Teil der Passagiere auf Europaflügen sind also
Umsteigepassagiere», so Sprecherin Andrea Kreuzer. «Wir betrachten Zug-
und Flugverbindungen als sich ergänzende Angebote. Für beides hat es
Platz im Markt. Eine Anpassung des Angebots nach Paris ist zum jetzigen
Zeitpunkt nicht geplant», so Kreuzer weiter.
Air France-KLM wird vor allem auf der Strecke BaselParis vom TGV
konkurrenziert. «Auf dieser Strecke haben wir unsere Offerte angepasst,
als der TGV die Verbindung aufgenommen hat», so Anna Lisa Repetto,
Public Relations Manager von Air France-KLM. Air France prüft derzeit
die Möglichkeiten einer eigenen Flotte von Hochgeschwindigkeitszügen.
«Erste Durchführbarkeitsstudien laufen bereits, und wir führen mit der
Transportgesellschaft des Versorgungskonzerns Veolia Gespräche über
eine Partnerschaft für Hochgeschwindigkeitszüge», so Repetto. Damit
kann sich die Fluggesellschaft die wachsenden Wettbewerbsvorteile von
Hochgeschwindigkeitszügen auf kurzen Städtestrecken zunutze machen. Mit
einem eigenen Zubringer-Zug könnte die Airline uneffiziente
Zubringer-Flüge auf der Kurzdistanz streichen und dennoch einen
zeitsparenden Transport anbieten.
