Trotz genügend Lehrlingen kämpft die Schweizer Reisebranche mit frühzeitigen Austritten und einem Mangel an qualifiziertem Personal. Gründe dafür sind nicht nur im vergleichsweise tiefen Lohnniveau zu suchen.
«Die Hälfte der 22 neusten Lehrabsolventen der TTS-Gruppe hat die Branche nach Lehrabschluss verlassen, das ist alarmierend», sagt Beat Walser (Präsident TTS-Gruppe). Gründe dafür sieht er in der hohen Belastung am Arbeitsplatz, dem Abwerben von Reisebürolehrlingen («belastbare Allrounder ohne hohe Lohnansprüche») und in deren Drang zur steten Weiterbildung. Er befürwortet die Schaffung einer reinen Reisebürolehre.
Susanne Beer (Head HR, Kuoni) analysiert ähnlich: «Immer mehr Jugendliche wählen den akademischen Weg und jene, die eine Berufslehre absolvieren, wollen anschliessend in verschiedenen Bereichen Erfahrungen sammeln.
Wir müssen akzeptieren, dass die Zeiten eines Lebensjobs von der Lehre bis zur Pensionierung vorbei sind. Persönliche Beziehungen und ein guter Ruf der Firma sind Vorteile, die es bei der Stellenbesetzung zu nutzen gilt.»
Für Doris Sciessere (Director HR, TUI Suisse) ist die Situation durch demografische Faktoren und «die beruflichen Perspektiven, die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten im In- und Ausland, die grosse Unabhängigkeit und die Neugier, andere Branchen und Firmen zu entdecken», beeinflusst. Die Branche sei aber weiterhin attraktiv, weshalb viele Ex-Mitarbeitende früher oder später zurückkehren.
Hotelplan-Sprecherin Prisca Huguenin bleibt ohnehin gelassen: «Laut unserem HR stellen wir keinen generellen Fachkräftemangel fest.»
Das sieht Stellenvermittlerin Andrea Kälin (Adova) anders der Fachkräftemangel in der Branche habe sich in den vergangenen Jahren verschärft: «Die Firmen fordern viel mehr Know-how bei Einsteigern und es werden weniger Quereinsteiger-Kurse angeboten.» Dazu gebe es immer weniger KMUs, die vielseitige Jobs anbieten: «Der Bedarf an Generalisten sinkt.» Ihr Tipp an Reiseunternehmen: Homeoffice-Vereinbarungen und Teilzeitstellen. Zudem solle der Leistungslohn an Teams statt einzelne Arbeitnehmer ausbezahlt werden, um Teamgeist zu fördern.
Christina Renevey (Traveljobmarket) sagt: «Leider gibt es in der Reisebranche zu wenig Stellenprofile, die den vielen Absolventen von Höheren Fachschulen gerecht werden.» Zudem fehlten Incentives: «Die Benefits für Branchenfachkräfte sollten wieder verbessert werden.»
Jean-Claude Raemy/Urs Hirt
