Die Lancierung von 23 neuen Routen durch Swiss hat eines deutlich unterstrichen: Die wichtigste «Kriegszone» im Europa–Geschäft sind längst nicht mehr die Business-Strecken, sondern die Ferienflug-Strecken. Swiss-CEO Harry Hohmeister hatte bereits im Juni angekündigt, dass im Leisure-Bereich «noch viel kommen wird». Nun ist klar: Swiss will Anteile von Konkurrenten wie Easyjet oder Etihad Regional zurückerobern und scheut dabei auch vor Konflikten mit Partner-Airlines oder «neutralen» Airlines nicht zurück.
Die grossen Linienfluggesellschaften, welche einst die Low-Coster belächelten, kopieren längst deren Modell: entweder mit der Gründung eigener Low-Cost-Töchter oder mit aggressiver Tiefpreispolitik, One-Way-Tarifen und der Entwicklung eines Netzwerks zu Destinationen, welche man bislang gerne den Anderen überliess. Minimum Stay? Das war einmal. Zur Not wird auch aggressives Lobbying betrieben: Air Berlin und Darwin/Etihad Regional, die mit Unterstützung von Etihad Airways Netzwerke in Europa aufbauen, sind plötzlich ins Visier der Behörden geraten.
Die aktuelle Entwicklung im Europa-Flugverkehr beschleunigt den Niedergang herkömmlicher Chartermodelle. Die Aufweichung der Trennung zwischen Charterflug und Linienflug ist bereits seit Jahren im Gang. Die Reiseveranstalter können inzwischen Pauschalreisen zu Ferienzielen verkaufen, bei denen Low-Cost- oder auch herkömmliche Linienflüge ein Reisebestandteil sind. Das reduziert finanzielle Risiken; allenfalls werden noch Kontingente auf einzelnen Flügen eingekauft. In Genf, wo Easyjet 64 Ziele anbietet und damit das Angebot dominiert, gibt es praktisch kaum noch traditionelle Charterbewegungen.
Es gibt sie aber noch, die Vollcharter. Germania dringt in die Schweiz und wird Ferienflüge für Hotelplan durchführen, aber auch Liniendienst in den Balkan. Solange der europäische Flugverkehr nicht stärker konsolidiert ist, wird der harte Konkurrenzkampf weiterhin für hybride Airline-Geschäftsmodelle, tiefe Preise und lausige Profitabilität sorgen.
Jean-Claude Raemy
