Herr Wittwer, Sie sprechen von aufziehenden Wolken am Reisehorizont, speziell von Überkapazitäten. Was meinen Sie damit genau?
Wir befinden uns in einem gesättigten Markt. Zudem werden uns zwei Punkte herausfordern:
Erstens hat sich der Index der Konsumentenstimmung in den letzten
Monaten weiter verschlechtert. Und zweitens sind die Preise für
Flugreisen im kommenden Winter wegen der
hohen Treibstoffkosten um durchschnittlich zwei bis vier Prozent
gestiegen. Für den Sommer 2009 ist aufgrund der unverändert hohen
Einstandskosten für Flug-, Hotel- und Transferleistungen mit einem
weiteren Anstieg der Preise zu rechnen.
Es ist deshalb davon auszugehen, dass der Reisemarkt und somit die
Reiseintensität im kommenden Winter wie auch im neuen Jahr eher
stagnieren. Das heisst, es ist kein Wachstum mehr zu erwarten. Die
Erhöhung des Flugangebotes führt somit unweigerlich zu einer
Überkapazität und in der Folge zu einem zusätzlichen Preiszerfall und
Verdrängungswettbewerb. Die zusätzlichen Kapazitäten können nicht zu
marktgerechten Preisen abgesetzt werden.
Wer hat diese Überkapazitäten zu verantworten?
Wir kaufen bei TUI Suisse seit mehreren Jahren bedarfsgerecht
ein. Mit vernünftigen Preisen führt dies zu einer überdurchschnittlich
hohen Auslastung der Flüge. Dieses Vorgehen ist erfolgreich und hat
sich bewährt. In den vergangenen Jahren haben wir immer mehr Kunden
gewonnen und unseren Marktanteil konsequent ausgebaut.
Überkapazitäten entstehen dann, wenn Mitbewerber im Rahmen einer
Konkurrenzstrategie versuchen, Marktleistungen nachzuahmen und
verlorene Marktanteile zurückzugewinnen.
Welche Auswirkungen haben diese Überkapazitäten im Markt?
Kurzfristig bedeutet dies, dass Reisen günstiger werden. Es wird
wieder vermehrt Last-Minute-Angebote geben; die Zahl der voll bezahlten
Katalogbuchungen wird tendenziell schrumpfen.
Zudem generieren Überkapazitäten neue Direktverkaufsinstrumente.
Schliesslich generieren alle Marktteilnehmer weniger Ertrag.
Mittelfristig hat dies zur Folge, dass sich die Konsumenten an das
Preisbild gewöhnen. Eine nachhaltige Profitabilität ist also nicht mehr
sichergestellt, Sparmassnahmen auf Kosten von Qualität und Personal
werden notwendig.
Kurzum: Die Chance, eine bessere Ertragssituation für alle Marktteilnehmer zu schaffen, wird verspielt.
Wie wird TUI Suisse darauf reagieren?
Wir bleiben gelassen, aber konsequent. Was heisst das? Wir
werden den Wettbewerb aktiv vorantreiben und alles daran setzen, so wie
in der Vergangenheit auch in Zukunft eine Nasenlänge voraus zu sein.
Neben dem Preis werden für unsere Veranstaltermarken die Qualität und
die Differenzierung über die Produkte nach wie vor wichtige Schlüssel
zum Erfolg sein. Exklusivitäten, wie zum Beispiel die TUI Hotels oder
Clubs, werden dabei eine entscheidende Rolle einnehmen.
Ein Preiskampf scheint unausweichlich. Wie wollen Sie die von Ihnen angestrebte Preisführerschaft verteidigen?
Unsere strategische Ambition ist und bleibt die gleiche: Wir
wollen unseren Kundinnen und Kunden auch weiterhin mit allen unseren
Marken das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bieten. Voraussetzung für
die Preisführerschaft ist die Kostenführerschaft, die wir dank
schlanker, effizienter Strukturen erreichen.
Unser Geschäftsmodell bei den Pauschalreisen der Marken TUI, 1-2-Fly
und Robinson Club bietet dafür eine optimale Ausgangslage: Das grösste
Einkaufsvolumen und die beste Kos-
tenstruktur. Da unsere Prozesse international nachhaltig ausgelegt
sind, können wir unsere Position auch über einen längeren Zeitraum
verteidigen.
Mit der Marke Flex Travel, dem Spezialisten für Individualreisen,
halten wir die Preisführerschaft mit einem international und national
gemischten Produktionskonzept.
Operativ handeln wir dann, wenn wir preislich deutlich oder
unverhältnismässig unterboten werden. Aufgrund von Preisvergleichen und
für uns teilweise nicht nachvollziehbaren Preisreduktionen einiger
Mitbewerber haben wir punktuelle Anpassungen für die Veranstaltermarken
TUI und 1-2-Fly bereits vorgenommen. Bei 1-2-Fly profitieren unsere
Kunden darüber hinaus vom vorteilhaften Wechselkurs von 1,59 CHF/Euro.
Wie analysieren Sie die von Ihnen erwähnten veränderten Marktverhältnisse?
Vor vier Jahren gingen die beiden Marktführer noch davon aus,
dass man den Schweizer Reisemarkt preislich abschotten kann, das
heisst, dass keine deutschen Preise und Veranstalter hier Fuss fassen
werden.
Das Bild präsentiert sich heute komplett anders. Weitere deutsche
Veranstalter kopieren die erfolgreiche Strategie von TUI Suisse und
stehen mit den anderen führenden Reiseanbietern im Wettbewerb.
Die Vertriebsformen waren damals ziemlich klar fixiert: Einerseits gab
es die Direktveranstalter und andererseits die Handelsmarken. Der
Vertrieb präsentiert sich heute vielfältig. Die Grenzen zwischen
Handels- und Direktkanal vermischen sich zunehmend.
Multi-Channel-Vertrieb ist das Schlagwort, und das Internet hat das
Reiseverhalten der Konsumenten massgeblich beeinflusst.
Werden Sie unter all diesen Voraussetzungen Ihre Zielsetzungen für 2009 konservativer formulieren?
Unsere Planung und Ziele sind bereits im Frühsommer fixiert
worden. Die Strategie der TUI Travel Plc. richtet sich nicht nach
Marktanteilen und Wachstum aus, sondern fokussiert auf eine nachhaltige
Profitabilität (Ertragskraft). An dieser Ausgangslage ändert sich
nichts. Bei TUI Suisse halten wir an unserem Weg fest und arbeiten
weiterhin konsequent an unserem Erfolg.
