Eurozerfall beflügelt den Ideenreichtum der Retailer (Ausgabe 2015-11)

In unserer Umfrage berichten die Reisebüroinhaber von Euro-Radiospots, Geiz-ist-geil-Mentalität und einem USA-Boom.

Wer in ungewöhnlichen Situationen aussergewöhnliche Leistung erbringt, kann nur gewinnen. Das zeigt die Umfrage von TRAVEL INSIDE zur Buchungsentwicklung 2015. So berichtet Philippe Oehler (Swissexpress/Ferieninsel Basel) von massiver Radiowerbung, die man nach dem Ausbruch der allgemeinen Europanik geschaltet habe. «Wir haben darauf hingewiesen, dass man bei uns auch in Euro buchen und sich erst noch den Stau nach Deutschland sparen kann», so Oehler. «Die Kunden sind im Moment extrem preissensibel. Wir benötigen viel Zeit, um zu erklären, dass Service etwas kostet. Aber die meisten verstehen es dann», berichtet der Basler.

Einen eigenen Vermittlungskatalog mit Abflügen ab Bern hat Geo Tours in Thun herausgebracht. «Dadurch konnten wir ein Buchungsplus von 25% verzeichnen», erzählt Geschäftsführer Paul Gosteli. «Aber auch die Aufhebung des Euro-Mindestkurses war für uns ein Glücksfall. Weil die meisten Veranstalter direkt mit Euro-Rabatten nachgezogen sind, haben uns die Kunden mit Anfragen überhäuft», so Gosteli. 

Bei Silvio Storchenegger (Reisebüro Lichtensteig) liefen der Januar und der Februar nach eigener Aussage «sensationell». Er habe vor allem komplexe Dossiers im Hochpreisbereich bearbeitet. «Ich habe das Gefühl, die Leute sind mit dem Internet langsam überfordert», begründet Storchenegger den aktuellen Trend. «Sie platzieren lieber ihre Wünsche bei uns und bezahlen dafür, dass wir alles in die Hand nehmen und für sie erledigen.» 

Bis Mitte Januar hatte Marcel Hausheer (City Reisebüro, Zug) viele Buchungseingänge. Ab der zweiten Januarhälfte sei die Nachfrage gesunken. «Ich denke aber, dies liegt nicht nur am Eurokurs. Vielmehr glaube ich, dass sich Kunden Schreckensszenarien ausmalen und so lange wie möglich keine Verpflichtungen eingehen möchten.» In Sachen Euro-Rabatt seien vor allem Anfragen von Kunden gekommen, die bereits gebucht hatten, von Neukunden eher weniger. In einem konkreten Fall, in dem es seitens TO keinen nachträglichen Rabatt gab, habe ein Kunde gar die Reise annulliert, im Internet neu gebucht und im City Reisebüro von seinem «Erfolg» berichtet.

Marcel Heggli (Heggli Reisen, Kriens) ist mit diesem Vorgehen sogar auf seine Kunden zugegangen, hat – wo möglich – bestehende Buchungen annulliert und neu mit Euro-Rabatt eingebucht.

Die GEiz-ist-GEil-Mentalität sei enorm, findet Reto Tobler (Reiseforum Meilen). Jeder meine, er könne noch mehr profitieren. Bei ihm sei das Jahr 2015 eher harzig angelaufen. Allerdings nur im Vergleich zum sehr guten 2014. Er hofft, dass es in diesem Jahr mehr Spätbucher gibt. «Jahrelang haben wir unseren Kunden das Frühbuchen eingetrichtert, jetzt ärgern sich genau diese, dass sie vom Euro-Vorteil nicht profitieren konnten.»

Bei den Destinationen sind nahezu allen Befragten zufolge die USA, aber auch Kanada und Australien hoch im Kurs. Bei den Badeferien laufe Griechenland sehr gut, aber mit geringeren Margen bei gleicher Arbeit. Auch Ägypten habe wieder angezogen und Kreuzfahrten seien gefragt wie nie.

Stephanie Günzler/Melanie Mooser