«Nur etwa zehn Minuten entfernt von hier habe ich während meiner Studienzeit gelebt», erzählt Johannes Reck, 31, als er die TI-Redaktion in Zürich betritt. Der heutige CEO von Getyourguide studierte Biochemie an der ETH, wo er 2009 zusammen mit drei Studienkollegen auch das Unternehmen Getyourguide gründete.
Seitdem hat das Start-up einen steilen Aufstieg hingelegt knapp 30000 Touren an 2500 Destinationen in 137 Ländern werden mittlerweile in 13 verschiedenen Sprachen angeboten. Über 200 Mitarbeiter an zehn Stand-orten, darunter in Zürich, Las Vegas, Dubai und am Hauptsitz in Berlin, sind zudem bei Getyourguide beschäftigt. Sightseeing-Touren, Aktivitäten oder Ausflüge sind oft das Tüpfelchen auf dem «i» bei einer Reise und genau damit hat Getyourguide einen riesigen Markt entdeckt. «Wenn der Kunde zurück an seine Reise denkt, erinnert er sich vor allem daran, was er erlebt hat dieser Differenzierungsfaktor gegenüber Flug- und Hotelbuchungsportalen ist für uns extrem vorteilhaft. Damit können wir Kunden an uns binden», so Reck.
Diverse Investitionen wurden bereits in das Start-up getätigt, und erst vor kurzem gab die Online-Plattform bekannt, weitere USD 50 Mio. an Wachstumskapital erhalten zu haben. Die neuen Mittel sollen zum einen hauptsächlich an breiter Front (Marketing, IT, Vertrieb, Kundenservice) ins Wachstum, zum anderen in Rücklagen investiert werden, da die Finanzierung für Start-ups immer schwieriger wird. «Wir wollen die Liquidität der Unternehmung für die nächsten fünf bis zehn Jahre sichern, damit wir unsere Strategie weiterhin umsetzen können», so Reck. Diese fokussiert insbesondere auf die technische Entwicklung. Reck stellt einen massiven Shift bei den Buchungen fest, weg von der traditionellen Webseite hin zum mobilen Gerät. «Der Trend, dass der Kunde in Echtzeit vor Ort Attraktionen und Aktivitäten buchen möchte, nimmt immer mehr zu.» Die Umsätze über das mobile Endgerät haben sich im letzten Jahr vervierfacht und machen mittlerweile fast die Hälfte des Gesamtumsatzes des Unternehmens aus.
«auch bei den mobilen Applikationen wollen wir wachsen und mehr ein Reisebegleiter werden denn eine reine Ticketplattform. Wir möchten dem Kunden zeigen, was er rund um den Eiffelturm noch unternehmen kann oder wo sich ein gutes Restaurant in der Nähe befindet die Produkte sollen so kombinierbarer werden.» Zudem ist das mobile Ticketing ein Kernthema, allerdings seien viele Attraktionen wie z.B. das London Eye oder der Eiffelturm technisch noch nicht so weit
Als Konkurrenz für Reisebüros sieht Reck Getyourguide nicht. «Im Gegenteil, wir ergänzen den stationären Vertrieb und bieten einen Mehrwert», erklärt er. In der Schweiz ist Getyourguide vor vier Jahren eine Online-Kooperation mit TUI Suisse eingegangen, durch welche Reisebüromitarbeitende auf die Angebotspalette von Getyourguide zugreifen können. Darüber hinaus sind die Produkte seit fünf Jahren auch über das Hotelplan-Online-Reisebüro travel.ch buchbar. Ausserdem hätten sich viele unabhängige Reisebüros über das Partnerprogramm registriert und können so die Produkte verkaufen.
Und was sagt reck zu den Gerüchten, dass Expedia Getyourguide früher oder später übernehmen will? «Natürlich, die Gerüchteküche brodelt immer wir sind jedoch sehr konzentriert darauf, ein langfristig unabhängiges Unternehmen aufzubauen.»
Zahlen gäben sie keine bekannt, die Umsätze konnte Get-yourguide seit der Gründung aber in jedem Jahr verdoppeln. 2015 verzeichnete die Webseite über 40 Mio. Besucher. In vielen Märkten sei Getyourguide bereits profitabel und als Unternehmen nicht mehr weit vom Break-even entfernt.
Die Plattform kassiert pro vermittelter Tour oder Aktivität eine Marge von ungefähr 20%. Und obwohl die Preise für die Produkte eher tief sind, geht das Geschäft auf, denn: «Die Reservationen werden ja meist für mehrere Personen vorgenommen. Und oft bleibt es nicht nur bei einer Aktivität.»
An Ideen für neue Produkte fehlt es nicht: «Cool wäre etwas Verrücktes, beispielsweise Touren auf den Mount Everest», sagt Reck schmunzelnd. «Vor allem aber wollen wir in diesem Jahr das Portfolio in Japan ausbauen. Auch in der Schweiz gibt es viel Potenzial, hier möchten wir gerne mit der SBB oder der Jungfraubahn zusammenspannen.»
JW



