Von der sandigen Baubaracke zum edlen Luftfahrtkonzern (Ausgabe 2015-46)

Peter Baumgartner, CCO von Etihad Airways, über die SRV-GV diese Woche in Abu Dhabi, seine Karriere in den Emiraten und die Schweizer Heimat.

Herr Baumgartner, die Abu Dhabi Tourism & Cultural Authority (TCA) und Etihad Airways sind Gastgeber bzw. Sponsor der SRV-Generalversammlung vom 11. bis 15. November 2015. Wie kam es dazu und welche Bedeutung hat das für Abu Dhabi und Etihad?

Wir arbeiten schon seit mehr als zehn Jahren eng mit den Schweizer Reiseanbietern zusammen und schätzen die Beziehungen mit der Schweizer Reisebranche sehr. Wir sind proaktiv auf den Schweizer Reise-Verband (SRV) zugegangen. Weil es seit 2014 einen Direktflug nach Abu Dhabi gibt und weil es ein eher kurzer Langstreckenflug ist, waren sie der Meinung, dass Abu Dhabi und Etihad gute Partner für die erste Versammlung an einer Langstrecken-Destination sind.

Was heisst es für Sie persönlich, die Schweizer Reisebranche begrüssen zu können?

Es ist eine grosse Ehre, sie bei uns zu begrüssen und ihnen zu zeigen, was Abu Dhabi alles zu bieten hat. Es sagt schon sehr viel aus, dass Abu Dhabi nach der Eröffnung unseres Fluges nach Zürich im vergangenen Jahr weltweit die Destination mit dem grössten Anstieg an Reisenden aus der Schweiz war.

Welche Eindrücke sollen Ihre Landsleute mit nach Hause nehmen?

Abu Dhabi ist eine pulsierende, fortschrittliche, liberale und weltoffene Stadt. Es gibt wunderschöne Sehenswürdigkeiten, grossartige Wüstenlandschaften, Küsten und Berge. Ausserdem ist Abu Dhabi eine moderne Metropole mit erstklassigem Service für Geschäftsreisende und Touristen. Sport- und Kulturattraktionen von Weltruf sind hier zu Hause, z.B. der Yas Marina Circuit, auf dem das Formel-1-Rennen stattfindet, die Ferrari World, Yas Water World und bald wird auch der Louvre Abu Dhabi sein Tore öffnen. 

In welchen Momenten vermissen Sie die Schweiz?

Es ist mir viel mehr bewusst geworden, wie schön die Schweiz ist, seit ich nicht mehr im Land wohne. Während meiner wenigen Besuche in Zürich sind es die einfachen Dinge, die ich schätze: den See, einen Spaziergang auf den Uetliberg oder eine Bratwurst vom Sternengrill. Ich besitze im Zürcher Unterland noch ein «Wönigli», und es wird wohl die Gegend sein, wo ich mich früher oder später wieder niederlasse. Verstehen Sie mich nicht falsch: Mir ist Abu Dhabi enorm ans Herz gewachsen. Aber wo die Wurzeln sind, vergisst man nie. Ich war noch nie so heimatverbunden wie in den letzten Jahren. 

Gibt es etwas, dass man in den Emiraten von den Schweizern lernen könnte – und umgekehrt?

Die Schweiz könnte lernen, Neues mit mehr Enthusiasmus und Dynamik in Angriff zu nehmen. Vor zehn Jahren konnte man das Angebot an Hotels in Abu Dhabi noch an zwei Händen abzählen. Auf der Sandinsel Saadiyat, die man einst nur mit dem Boot erreichen konnte, entstehen Hotels, Villen, Appartements, eine Marina sowie ein Kulturbezirk mit dem Guggenheim-Museum, dem Louvre Abu Dhabi und dem Nationalmuseum. Vorher schon wurden auf einer einzigen Insel innerhalb von wenigen Jahren eine Formel-1-Rennstrecke, die Ferrari World, das Yas Viceroy Hotel, durch welches die Rennstrecke führt, ein Einkaufszentrum, Golfplätze und ein Wasserpark erstellt. In derselben Zeit konnte man sich in der Zürcher Gemeinde, wo sich meine Wohnung befindet, nicht über einen Kreisel einigen.

Nach Ihrer Zeit bei Swissair und Swiss gingen Sie 2005 zu Etihad nach Abu Dhabi. Wie sah das Unternehmen damals im Vergleich zu heute aus? 

Wir waren ein Start-up-Unternehmen mit zwei, drei «Flügerli» und einer Handvoll Angestellter. Mein Büro befand sich in einer Baubaracke. Nach der Arbeit musste ich abends jeweils den Sand aus meinen Schuhen schütten. Um all das zu erleben, was hier passierte, braucht man in Europa drei Airline-Karrieren. Heute haben wir 25000 Mitarbeitende, 119 Flugzeuge und ebenso viele Reiseziele. Für die nächsten zehn Jahre befinden sich 200 weitere Flugzeuge auf der Bestellliste. Ich war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort und hatte Glück. 

Der Druck auf Sie als Airline Manager muss massiv sein.

Ich bin sehr stolz, bei einer der am schnellsten wachsenden Fluggesellschaften der Luftfahrtgeschichte zu arbeiten. In dieser Industrie ist der Wettbewerbsdruck immer gross. Die Herausforderung besteht darin, dass wir in dieser Wachstumsphase die Qualität hoch halten. Dass wir seit sechs Jahren immer wieder zu den besten Fluggesellschaften der Welt gewählt werden, erzeugt bei den Passagieren eine Erwartungshaltung. Diese Erwartungen wollen wir erfüllen, und das setzt uns natürlich unter Druck, die Bestleistungen betreffend Innovation und Service zu liefern. Das erreicht man am besten, wenn man sich auf den Job konzentriert und auf die Möglichkeit, etwas Neues und Aufregendes zu gestalten.

Haben Sie überhaupt Zeit, die Region touristisch kennenzulernen?

Sicher, auf jeden Fall. Ich entdecke immer wieder neue und faszinierende Orte. Die Vereinigten Arabischen Emirate sind abwechslungsreich und bunt, es gibt so viel zu sehen und zu erleben. Oman ist sehr schön und die Menschen sind sehr gastfreundlich. Ebenso Bahrain. Viele sind überrascht, wenn sie merken, dass Indien nur drei Flugstunden von hier entfernt ist und die Seychellen im Indischen Ozean liegen nur eine Flugstunde weiter weg.  

Was ist Ihre Lieblingsattraktion? Eher Kultur oder eher Ferrari World?

Die Abwechslung von beidem macht Abu Dhabi so attraktiv. Es gibt für jeden etwas, Abenteuersport, Kunst und Kultur oder einfach Entspannen an einem der grossartigen Strände. Und wenn Sie das Heimweh plagt, gibt es Indoor-Skifahren und danach ein Fondue. 

Wie eng arbeitet die Airline mit der Destination zusammen?

Wir arbeiten sehr eng mit TCA Abu Dhabi zusammen. Ich kann nur sehr positiv über die Initiativen sprechen, welche das Emirat lanciert hat, um ein führender Ort für Tourismus, Sport und Kultur zu werden. Soeben haben wir ein neues Partnerschaftsabkommen mit TCA und Miral Asset Management unterschrieben, mit dem wir Abu Dhabi zur besten Destinationsmarke der Welt machen wollen. Als Airline freuen wir uns, zusammen noch mehr zu entwickeln und zu erreichen. 

Im Dreamliner und im A380 setzt Etihad vor allem im Luxusbereich Massstäbe in Sachen Bordprodukt. Wie hart ist da der Wettbewerb unter den Golf Carriers? 

Der Wettbewerb in unserer Region ist fair und gesund. Er erfordert Höchstleistung. Das ist gut für uns und den Konsumenten. Mit den neuen Kabinen im A380 und der B-787 sind wir der Konkurrenz voraus. Keine Airline bietet ein Produkt, das sich mit der Residence, den First Apartments oder den Business Studios des A380 vergleichen lässt. Auch die Kabine der B-787 hat die Normen des Innendesign gesprengt, insbesondere mit der geschwungenen Gangführung in der First Class und auch mit den Business Studios. Aber bitte vergessen Sie nicht unsere Economy Smart Seats – auch mit unserem Economy-Produkt setzen wir neue Massstäbe.

Kann man mit Eco heute überhaupt noch Geld verdienen?

Selbstverständlich. Für uns ist es wesentlich, dass alle Gäste auf allen Strecken Etihad Airways erleben. In der Economy Class ist es wichtig, dass die Gäste Platz haben. Deshalb achten wir sehr auf die Kabinengestaltung. So haben wir z.B. Kopfstützen mit festem Flügel an unseren Eco Smart Seats eingeführt. Wir investieren in die modernste In-Flight-Technologie und Wifi-Konnektivität und legen grossen Wert auf die Bordmenüs. Unsere Flying Nannies stehen Eltern zur Seite. Es ist keine Frage von grenzenlosem Investment. Es geht darum, die Mittel klug einzusetzen, dort zu investieren, wo der Gast am meisten davon profitiert und dort zu sparen, wo es keinen Einfluss auf das Erlebnis des Gastes hat.

Sie haben eine Akademie für Köche, Nannies und Innovationen. Das muss ein irrsinniges Geld kosten. 

Premium ist Teil unserer DNA. Die innovativen Kabinen unserer A380 und B-787 sind das Ergebnis von sechs Jahren Entwicklung und extensiver Forschungsarbeit mit Konsumenten-Workshops in Abu Dhabi, Sydney, London und New York. Es ist eine Investition für die Gäste. Wir hoffen, dass sie so treue Gäste werden. Das ist unsere Rendite. Deswegen waren wir auch bereits in einem frühen Stadium profitabel und haben während der letzten vier Jahre Gewinne geschrieben.

Spielen Schweizer oder US-Airlines im Luxussegment noch eine Rolle?

Design und Innovation haben bei uns einen Grad erreicht, den nur wenige nachahmen können. Wir dürfen uns aber nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Zudem hat jeder regionale Markt seine eigene Dynamik und seine eigenen Wettbewerbsverhältnisse. Es ist die Stärke unseres Partner-Netzwerks, dass wir in den jeweiligen Regionen über unsere Partner ein Produkt anbieten können, welches die Erwartungen trifft und übertrifft. Auf diese Weise bringen wir die Etihad-Qualität bis tief in unsere Kernmärkte.

Sie sprechen das Netzwerk Etihad Airways Partners an, zu dem u.a. Air Berlin, Alitalia und Etihad Regional gehören. Was ist die Strategie dahinter? 

Die Wahlmöglichkeiten, welche Etihad und ihre Partner in Europa und in der Schweiz bieten, schaffen grossen Nutzen für unsere Kunden. Das Netzwerk leistet auch einen Beitrag an die Wirtschaft der Orte, die wir anfliegen, indem es das Wachstum und Arbeitsplätze fördert. Und wir halten unser Versprechen, dass wir Produkte und Service innerhalb des Partnernetzwerks harmonisieren und damit Kundennutzen schaffen. Gleichzeitig erlaubt es uns auch, Synergien zwischen den Partnern auf der Ertrags- und Kostenseite zu nutzen.

Stephanie Günzler