
Die Touristik in Deutschland hat die schwersten Phasen der Pandemie überwunden und befindet sich wieder auf dem Weg nach oben. Doch das Niveau von 2019 hat die Branche noch nicht erreicht.
Nach den Einschätzungen des Deutsche Reiseverbands (DRV) ist klar zu erkennen, dass die Deutschen reisen möchten, doch ein entscheidender Faktor ist die Entwicklung des Konsumklimas im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine und seine Auswirkungen.

«Corona spielt für die Kunden in Deutschland bei ihren Buchungen und ihren Reiseaktivitäten kaum noch eine Rolle. Die Deutschen sind in Reiselaune, der Wunsch nach Reisen ist da», so lautet das positive Zwischenfazit für das Reisejahr 2022 von DRV-Präsident Norbert Fiebig auf Grundlage der Zahlen von Travel Data + Analytics.
Die Nachfrage sei in diesem Jahr stark angestiegen, es zeige sich ein starker Nachholbedarf. Seit Februar gehe es nach oben, doch gebe es Unterschiede zwischen der Entwicklung des Umsatzes und der Zahl der Reisenden.
«Der Umsatz ist angestiegen und liegt nur rund 5% hinter 2019. Aber die Zahl der Reisenden hinkt noch hinterher. Die Kunden wollen sich nach der Reisepause von zwei Jahren mehr gönnen und kaufen hochwertigere und teurere Produkte.» Doch zeige sich ein klarer Trend zu einem kurzfristigen Buchungsverhalten. Die Ausgaben pro Person und Nacht seien um rund 15% höher als zur Vor-Coronazeit. Die Tendenz zeige eindeutig nach oben. «Doch mit der Gesamtentwicklung sind wir noch längst nicht über den Berg.»
Bei den Buchungszahlen bis Ende August betrage der Rückstand bei den Buchungszahlen im Vergleich zu 2019 noch 14%. Als Grund nennt Fiebig die schwachen Zahlen der vergangenen Wintersaison, in dem das Umsatzminus bei 34% gelegen habe. «Das Minus für das Touristikjahr wird sich reduzieren und bewegt sich Richtung minus 10%. Doch wir werden unter dem Niveau von 2019 bleiben.»
Hohe Nachfrage für die Ziele Im östlichen Mittelmeer
Bei den Reisezielen ist nach Angaben von Fiebig für das laufende Reisejahr festzustellen, dass sich einige bereits wieder auf dem Niveau vor der Pandemie bewegen. Es habe eine Bewegung in Richtung östliches Mittelmeer gegeben. Die Türkei weise ein Plus von 33% gegenüber 2019 auf, für Griechenland liege es bei 22%, für Ägypten bei 8%.
Im westlichen Mittelmeer gebe es noch einen Rückstand in Höhe von 4%, einen Zuwachs verzeichneten die spanischen Inselgruppen der Balearen und Kanaren mit 3%. Bei den Fernzielen stehe die Dominikanische Republik mit einem Plus von 41% an der Spitze, bei den Malediven liege der Wert bei 37%. Die USA seien noch nicht zu ihrer alten Stärke zurückgekehrt.
Zuwächse für den Winter 2022/23
Für den kommenden Winter lägen die Kanaren, Ägypten, die Malediven und die Türkei lägen über 2019, auch die Dominikanische Republik und Thailand befänden sich auf einem guten Weg. Insgesamt wiesen die Buchungszahlen bis Ende August im Vergleich zum Winter 2018/19 noch ein Minus von 33% auf. Auch hier zeige sich die Entwicklung zu den kurzfristigen Buchungen.
«Der bevorstehende Reisewinter wird im Vergleich zur Wintersaison vor einem Jahr aller Voraussicht nach deutlich besser werden», so DRV-Präsident Norbert Fiebig. Die Umsätze für diesen Winter lägen um 74% höher als 2021/22. «Wir rechnen bei den Fernzielen mit einer deutlich positiven Entwicklung, fast jede fünfte Buchung erfolgt für eine Fernreise.»
Kunden setzen auf Pauschalreisen
Ein klarer Trend vermeldet der Verband in Richtung Pauschalreisen. 70% aller Neubuchungen seien Pauschalreisen. «Die Nachfrage hat sich deutlich erhöht. Sie bieten den Kunden Sicherheit, die heutzutage ein wichtiger Aspekt ist.» So seien auch die von den Veranstaltern angebotenen Flex-Tarife sehr beliebt. Sie böten einfache Stornomöglichkeiten, kurzfristig seien auch Umbuchungen zu alternativen Zielen möglich. Bei Familien stünden All-inclusive-Angebote im Fokus, denn sie böten ihnen die gewünschte Sicherheit für ihr Reisebudget.
2023 wird kein Selbstläufer
Doch für 2023 sieht der Verband eine Menge Herausforderungen. «Sie wird kein Selbstläufer.» Fiebig ist optimistisch, eine Prognose gibt er knapp drei Wochen vor dem Start des neuen Touristikjahres nicht ab. Nach der Pandemie sorgten der Ukraine-Krieg und die sich aus ihm ergebenden wirtschaftlichen Probleme, die hohe Inflationsrate und die Probleme mit Energie und Gasversorgung bildeten einschneidende Effekte. Klar sei, dass sich die Branche nicht von der Inflation abkoppeln könne. Noch seien die Preissteigerungen moderat, doch sie würden weiter nach oben gehen.
Die entscheidende Frage sei die Entwicklung des Konsumklimas. Hier sei die Politik gefordert. Sie müsse für eine stabile Inlandsnachfrage sorgen. Fiebig stuft die Gaspreisbremse als ein gutes Signal ein, doch nun gehe es um ihre Ausstattung und die Frage, wie sie bei den Menschen ankomme. «Entscheidend für eine positive Entwicklung ist es, dass Energie und Mobilität für einen Durchschnittsverdiener bezahlbar bleiben.»
Wolfram Marx, Berlin








