Gastkommentar: «Der Edelweiss A350-Erstflug war von A-Z fast perfekt»

Der TRAVEL INSIDE Autor und Branchen-Insider Erich Witschi arbeitet für Globetrotter und war beim Erstflug mit dem A350 nach Teneriffa dabei.

Als am 10. Februar 1996 zum ersten Mal eine MD-83 der Edelweiss ab Zürich in Richtung Larnaca und Paphos startete, ahnte wohl niemand, dass sich diese Fluggesellschaft mit den bunt bemalten Flugzeugen innerhalb weniger Jahre als zweitgrösste Airline der Schweiz etablieren könnte.

Der Name Edelweiss und die sehr auffällige Bemalung war nicht unumstritten, ist heute aber kaum wegzudenken. 1998 brachte mich und meine Familie die MD-83 HB-IKP sicher nach Larnaca und nach einer Woche wieder zurück.

‘Swissness with Wings’

Bereits damals spürte man die besondere Atmosphäre an Bord, sozusagen ‘Swissness with Wings’. Etwa so wie das bis Mitte der 90er Jahre bei der Swissair der Fall war. Im November 2000 wurde zum ersten Mal ein Langstreckenflug nach Malé auf den Malediven durchgeführt. Im Gegensatz zu Swissair/Swiss hat Edelweiss die Stürme der 00er Jahre (9/11 und Bankenkrise) relativ unversehrt überstanden.

Im Jahr 2008 wurde Edelweiss zu einer Schwestergesellschaft von Swiss und gehört demzufolge seither zur LH-Group. In den nächsten Jahren wuchs die Flotte zusehends und bestand per 31. Dezember 2019 aus 16 Maschinen, A320, A330 und A340. Dann kam Covid-19!

Edelweiss blieb auf alternden und durstigen A340 hocken

Die gesamte Flotte blieb fast 2 Monate am Boden (mit Ausnahme von Repatriierungsflügen für das EDA). Im März 2021 wurden die beiden verbleibenden A330 an Eurowings Discover verleast – wohl auf Befehl aus Frankfurt, was heute noch für Kopfschütteln sorgt. Edelweiss blieb somit auf den 4 alternden und durstigen A340 hocken (später kam noch ein fünfter hinzu), was über die nächsten Jahre und bis heute zusehends für Probleme sorgte.

Ruf von Edelweiss hat ein paar tiefe Kratzer abbekommen

Einerseits wegen der Unzuverlässigkeit des A340 und andererseits durch ein zunehmend ambitiöses Langstreckennetz. Bereits im Vor-Covid Jahr 2019 musste Edelweiss 38 Langstreckenflüge mit A340 streichen. Die Situation hat sich bis heute nicht verbessert, im Gegenteil. Der ausgezeichnete Ruf von Edelweiss hat ein paar tiefe Kratzer abbekommen und auch bei Swiss für Stirnrunzeln gesorgt.

Frustrierte Kunden und verärgerte Reisebüros und Veranstalter (ich kann davon ein Liedchen singen) sorgten für Verunsicherung. Nun erscheint am Horizont aber ein langersehnter Hoffnungsschimmer in der Form des ersten neuen Flottenmitglieds, einer A350-900, ex LATAM, 5 Jahre alt, seit 1. April bei Edelweiss im Kurz- und Mittelstreckeneinsatz.

A350-Hype 

Im Vorfeld der Auslieferung im März und des Erstfluges am 1. April entstand ein veritabler Hype, angefacht durch Medien, die Spotter Gemeinde und auch der Reisebranche. Auch ich wurde von der Vorfreude erfasst, was mich dazu bewogen hat, einen Platz in der Businessclass auf dem Erstflug nach Teneriffa zu buchen.

Als langjähriger Boeing Fanboy (If it ain’t Boeing I’m not going) und insgesamt 3 Flügen mit der A350, muss ich gestehen, dass der 350er für mich das derzeit beste Langstreckenflugzeug ist, und zwar für Passagiere wie auch für die Erbsenzähler der Fluggesellschaften.

Prominente Passagiere beim Erstflug 

Zumindest bis die Boeing 777x endlich zum Einsatz kommt; dann sehen wir weiter. Diese Einsicht wurde beim Flug nach TFS nochmals bestätigt. Nach dem üblichen Band zerschneiden, Kuchen essen und Schämpis schlürfen wurde nach Prominenz Grad geboarded.

Als erstes erspähte ich beim Betreten der C-Class Kabine seine Heiligkeit, der Papst der Airline Tripreports, Youtuber und Influencer Josh Cahill, Schrecken aller Airlines, sowie weitere bekannte Social Media Gesichter.

Was jetzt folgt, ist mein rein persönliches Fazit zu diesem Erstflug: Es wurde viel geschrieben, und vor allem geschnödet, über das angeblich veraltete Business-Kabinenlayout der ex LATAM Maschine.

Für eine Ferienfluggesellschaft ist die Business Class jedoch mehr als akzeptabel. Ich habe mich in den breiten, weichen und bequemen Sessel sehr wohl gefühlt (mindestens mal für 4 Stunden).

So ist die Kabinenausstattung und Verpflegung 

Die Sitze lassen sich in ein 180 Grad ‘Lie Flat’ Bett verwandeln, wie das bei den meisten Airlines in der C-Klasse üblich ist. Die Kabine wirkt geräumig und freundlich, die Gänge sind breit und die Farben wirken beruhigend.

Einziger Kritikpunkt: Es hat zu wenig Ablagefläche und die Mittelkonsole muss mit den Sitznachbarn geteilt werden. Ansonsten fühlte ich mich wie zurückgesetzt in die 90er Jahre, meiner Lieblingsdekade in Sachen Businessclass (darüber gibt’s dann einen weiteren Kommentar).

Die Verpflegung war top und für einen 4-stündigen Flug völlig ausreichend. Ich bin nicht sicher, ob für diesen Erstflug absichtlich alle Register gezogen wurden, aber der Flug war wirklich von A-Z fast perfekt. Auch der Rückflug 2 Tage später mit dem A320 war ohne Fehl und Tadel (ausser dem Sitzkomfort).

Edelweiss-Crews sind am freundlichsten und effizientesten 

Die Crews der Edelweiss sind mitunter die freundlichsten und effizientesten, die ich in meinen 50 Jahren und über einer Million Meilen als Passagier bis jetzt angetroffen habe.

Die angeprangerte 2-2-2 Konfiguration der C- Klasse ist für den einen oder anderen Geschäftskunden vielleicht suboptimal, aber für Paare (die meisten Urlauber fliegen ohnehin mindestens zu zweit) sehr praktisch und die fehlende ‘Privatsphäre’ ist für mich in einer mit über 300 Passagieren vollgestopften Röhre ohnehin kein Thema.

Ausserdem gibt’s schon bald ein neues Kabinenlayout, welches dann allen Passagieren gerecht werden soll. Bis die letzte A350 umgerüstet ist, wird es vermutlich Anfang 2027. In den nächsten Monaten treffen noch 5 weitere A350 in ZRH ein, welche auch eine neue Kabine erhalten werden.

Man darf davon ausgehen, dass die Kabinen in allen 3 Klassen (auch eine echte Premium Eco ist vorgesehen – vorbei sind die Zeiten der Eco Max – so hoffe ich wenigstens) etwa ähnlich aussehen wird bei der Mutter Lufthansa und Schwester Swiss.

Wöchentliche Ausfälle auf der Langstrecke reduzieren 

Die Langstreckenflotte von Edelweiss wird damit von 5 auf 6 Maschinen wachsen, was sich auch bei einem Totalausfall oder bei der periodischen Maintenance positiv auswirken dürfte. Und zu guter Letzt dürften die A350 wesentlich weniger anfällig sein als die A340, zumindest für die nächsten Jahre. All das wird (sollte) dazu beitragen, die wöchentlichen Ausfälle auf der Langstrecke zu reduzieren.

Man darf gespannt in die Zukunft blicken. Ich bin zuversichtlich, dass Edelweiss seine Position innerhalb der LH-Gruppe in den nächsten Jahren ausbauen und mit ihrem Streckennetz und der Flottenerneuerung eine wichtige Nische füllen wird.

Die Konkurrenz schläft jedoch nicht; Condor hat bereits zum Grossangriff auf den Schweizer Markt angesetzt, und zwar im Ferien- UND Geschäftsreiseverkehr.

EDW hat also für die nächsten Jahre eine grosse Herausforderung zu bewältigen, was aber kein Problem sein sollte, sofern uns ‘Sauron in Mordor’ ennet dem Teich nicht noch mehr die Suppe versalzen wird. Time will tell!

Erich Witschi