Im Camper durch Kanada und Alaska (II)

Der 2. Teil des Logbuchs eines Roadtrips mit dem Truck-Camper von Go North auf den Spuren des Klondike Gold Rush durch B.C, den Yukon und Alaska.
Main Street in Whitehorse ©BE

Über den Alaska Highway erreichten wir, wie gestern im ersten Teil des Logbuchs erzählt, von Watson Lake anreisend die Seen am Nordfuss des Küstengebirges und die Ursprünge des Yukon River. Über der hübschen touristischen Gegend rund um Carcross weht nach wie vor der Hauch der Gold Rush-Vergangenheit.

Unweit flussabwärts entwickelte sich Whitehorse während der Stampede rasch zu einem wirbligen Umschlagplatz mit Steamboat-Anlegestelle. Heute präsentiert sich die Hauptstadt des Yukon Territoriums mit rund 25’000 Einwohnern als freundliche, moderne Stadt mit internationalem Flughafen.

Die breiten, da und dort noch vom Frontier-Stil beeinflussten Strassenzüge erinnern an die exaltierten Rush-Jahre, die im sehenswerten McBride Museum informativ und kurzweilig präsentiert wiederaufleben.

Besichtigt werden kann auch die längst stillgelegte Klondike, einer der letzten Heck-Schaufelraddampfer auf dem Yukon River. Der Fluss galt hier einst als Falle: Im engen Miles Canyon zerschellten Boote und Schiffe oder sie kenterten danach in den Stromschnellen, die heute von einem Staudamm gezähmt sind.

Die letzte Etappe

Nach Whitehorse führt der Alaska Highway weiter Richtung Fairbanks, während der Klondike-Highway nordwärts nach Dawson City abzweigt: Er bildet die letzte Etappe durch entlegene Täler in die Klondike-Region. Im Roadhouse von Braeburn gilt es die berühmten riesigen Cinnamon Buns zu verkosten, auf dem Campground in Carmacks wird die Nacht von fantastischen Nordlichtern verzaubert.

Die Stampeders hatten einst auf der Flussfahrt auf dem Yukon River hinunter nach Dawson River noch ein weiteres Hindernis zu meistern: Der Engpass der Five Finger Rapids war gefürchtet und kann heute vom Highway über einen hübschen Trail erreicht werden.

Five Finger Rapids ©BE

 

Bei Pelly Crossing und Stewart Crossing entstanden während des Golf Rush erste Goldgräber-Siedlungen, vor Dawson City zweigt der berühmte Dempster Highway ab. Diese Schotterstrasse zieht sich über 700 Kilometer durch endloses Niemandsland in den äussersten Norden bis Inuvik am Arktischen Meer.

Der Klondike River, Namensgeber der Region, mündet vor Dawson City in den Yukon River, dann tauchen endlich die ersten Gebäude dieser sagenumwobenen Goldgräber-Stadt auf, einst das Auge im Zentrum des Gold Rush-Tornados.

Rund 3600 Kilometer haben wir ab Seattle auf meist guten zweispurigen Highways entlang einstiger Stampeder-Routen bis ans Ziel der Goldsucher zurückgelegt, die dafür auf Trails durch unwegsames Gelände lange Monate unterwegs waren.

Epizentrum Dawson City
Dawson City ©BE

Wie fast überall im Norden lebte auch hier immer schon die indianische Bevölkerung der Native Nation. Doch der 16. August 1896 veränderte alles: George Cormack und sein indianischer Freund Skoohum Jim fanden im nahen Bonanza Creek unerwartet Gold-Nuggets – das war der Urknall.

Hunderttausende von Glückssuchern machten sich in den folgenden Jahren auf den Weg in die Klondike-Region, wo immer mehr Goldcreeks entdeckt wurden. Aus einer kleinen Siedlung der Native Nation wuchs in Kürze die boomende Frontier-Stadt Dawson City mit zweitweise über 30’000 Einwohnern.

Hotels und Unterkünfte entstanden, Läden und Dienstleistungen für jeden Bedarf und alle Bedürfnisse sowie Restaurants, Bars, Saloons und Bordelle. Wer nicht in den Goldcreeks reich wird, schafft dies mit Geschäften in Dawson City, hiess es damals bald.

Wie ein Nimbus schwebt die stürmische Vergangenheit heute noch über Dawson City, wo derzeit rund 1500 Einwohner leben. Das fabelhafte Stadtbild zeichnet sich weitgehend mit authentischen oder renovierten Gebäuden der Gründerzeit aus, Holzgehsteige verlaufen entlang der weiten, ungeteerten Strassen.

Der legendäre Bonanza Creek

Dawson City ist längst ein touristisches Ziel mit entsprechendem Angebot – auch schräger Art: So wird im Downtown Hotel ein Sourtoe Cocktail zelebriert, in dem ein verbrieft echter, pechschwarzer Zeh schwimmt und mit den Lippen berührt werden muss – dies wird mit einem Zertifikat beglaubigt.

In der Diamond Tooth Gerties Gambling Hall wird allabendlich Variété geboten, wo Tänzerinnen – wie einst für die Abwechslung suchenden Goldschürfer – jetzt die Beine für Touristen schwingen. Das sorgfältig renovierte Palace Grand Theater wartet wiederum mit kulturellen Vorstellungen auf.

Dredge No.4 ©BE

 

Doch Dawson City wäre nicht komplett ohne Abstecher in den nahen Bonanza Creek. Ein informativer Discovery Trail führt am Bächlein der ersten Goldfunde entlang, wo man selbst mit einer Goldpfanne sein Glück versuchen kann – es sollte beim Versuch bleiben…

Ein geführter Besuch des letzten gewaltigen Schürf-Baggers Dredge No. 4 beeindruckt und zeigt auf, wie rasch sich die Handarbeit des Goldschürfens industrialisierte. Typische Schotterwälle dokumentieren noch heute vielerorts, wo einst diese Dredges wüteten.

Zusatz-Schlaufe in Alaska
Gesichtet in Valdez ©BE

Weniger bekannte Rush-Routen nach Dawson City verliefen von den Küsten Alaskas quer durch den Bundesstaat – wir befahren diese nun in umgekehrter Richtung. Von Dawson City führt die gute Schotterstrasse des spektakulären Top of the World Highway kurvenreich über endlose, kahle Hügelkämme. Der Blick schweift in weite, bewaldete Täler und hinüber zu den schneebedeckten Gipfeln der Ogilvie Mountains.

Irgendwo im Niemandsland die Grenzstation zu Alaska, nach Stunden ein Halt in Chicken. Der urige Chicken Saloon, wo jeder Besucher seine Visitenkare an die Wand pinnt, darf nicht verpasst werden. Danach geizt der Taylor Highway hinunter nach Tok nicht mit Schlaglöchern, die Fahrt entlang des Flusses ist aber malerisch.

Im reizvollen Campground in Tok am Tanana River, auf dem einst Goldjäger eine Abkürzung Richtung Klondike suchten, spielen erneut Nordlichter auf. Weiter geht’s auf dem holprigen Tok Cutoff und danach auf dem Richardson Highway südwärts bis Valdez. Gletscher und Canyons begleiten die Fahrt ans Meer.

Nicht wenige Stampeder erreichten Valdez einst per Schiff und versuchten – oft vergebens – über das Gebirge ins Eldorado zu gelangen. Heute ist Valdez eine unspektakuläre, freundliche Siedlung, die sich als gefragtes Fischer-Paradies und Ausgangspunkt für Ausflüge zum Columbia Gletscher positioniert.

Ein spektakuläres Schauspiel bietet an der Bucht von Valdez die Solomon Gulch Fish Hatchery, wo Abertausende von Lachsen laichen und absterben. Möwen und Seelöwen schwelgen im Überfluss, am Abend taucht auch mal ein Schwarzbär auf und schnappt nach frischem Fisch.

Einsamer Denali Highway…

Wenn Alaska, dann auch Denali. Von Valdez geht es wieder nordwärts bis Paxson, wo der einsame Denali-Highway abzweigt. Die gute Schotterstrasse ist wenig befahren und führt 220 Kilometer westwärts entlang der imposanten Alaska Range. durch fast menschenleeres Gebiet

Die weite Stauden- und Grastundra schillert in grün-braunen Tönen, Firewood verwandelt grosse Flächen in ein zinnoberrotes Meer. In weiten Tälern und durch Canyons rauschen breite Flüsse, weisse Gipfel begleiten stets die Fahrt. Einer der wenigen Campgrounds an der abgelegenen Strecke befindet sich bei Tangle Lakes.

Am Denali Highway ©BE

 

An einem Hang oberhalb des breiten Tals des Susitna Rivers klebt die Alpine Creek Lodge. Obwohl der Denali Highway im Winter nicht befahrbar ist, kann man hier ganzjährig übernachten – die Strasse dient dann als Piste für Schneemobile.

In Cantwell mündet der Denali Highway in den George Parks Highway, bis zu den Campgrounds und dem Hoteldorf am Eingang zum Denali-Park ist es nicht mehr weit. In dieser touristischen Hochburg darf als Abwechslung ein feines Diner im Alpenglow der Grande Denali Lodge empfohlen werden, die über dem Tal thront.

… und die Tierwelt des Denali Parks

Moose mit Jungtier ©BE

Der Denali Nationalpark ist mit wenigen Ausnahmen für den Privatverkehr gesperrt, Tagesbesucher nutzen eine der häufigen Bus-Touren. Beim Toklat River ist aber Schluss, denn die von einem Erdrutsch zerstörte Strasse ist noch nicht erneuert.

Über Anhöhen und durch Canyons zieht sich die Schotterstrasse durch ein weites Tundra-Tal ins Innere des Parks. Hohes Buschwerk wechselt mit farbenfrohen offenen Hängen ab – plötzlich da: Ein Moose mit Jungtier lugt durch die Büsche.

Es wird noch besser: Wenig später tappt nicht allzu weit entfernt ein Grizzly durchs Gebüsch, dann grast eine kleine Cariboo-Herde. Der Denali Nationalpark wird seinem Ruf als ungestörte Heimat vieler Tiere gerecht – nur der Denali selbst, der höchste Berg Nordamerikas, versteckt sich wie so oft in den Wolken.

«End of the Road» in Homer

Auf dem George Parks Highway geht die Fahrt weiter südwärts Richtung Anchorage und Kenai-Halbinsel. Am Turnagain Meeresarm muss ein kurzer Abstecher ins Alyeska Ski-Resort sein, bei Portage ins Alaska Wildlife Conservation Center oder durch einen Tunnel nach Whittier.

Auf der Halbinsel liegen an malerischen Seen und am Kenai River Hochburgen für Lachs-Fischer. Ab Kenai, einem kleinen Städtchen an der Küste, verläuft der Sterling Highway entlang der Westküste bis Homer. Über dem Cook Inlet ragt aus Wolken ein hoher Vulkangipfel der Gebirgskette, die in der Ferne in die Aleuten mündet.

Boardwalk in Homer ©BE

 

Homer, das heisst ‘The End of the Road’. Das idyllisch an der Kachemak Bay mit Blick auf umliegende Berge gelegene Städtchen bezeichnet sich als ‘Halibut Fishing Capital of the World’ und zieht sowohl Einheimische wie Besucher an.

Die filigrane Landzunge des Homer Spit reicht kilometerweit in die Bay hinaus. An deren Spitze bilden ein Jachthafen, ein Hotel sowie ein Boardwalk mit einigen Läden, Tourenanbietern und Restaurants ein kleines touristisches Zentrum. Das Anbringen einer Dollarnote im skurrilen Salty Dawg Saloon ist Kult.

Der Highway auf die Kenai Halbinsel führt auch wieder hinaus. In Anchorage heisst es schliesslich auf der Go North-Station, sich vom längst liebgewonnenen Truck-Camper zu verabschieden. Auch von Anchorage aus versuchten einst Goldjäger über Land in den Klondike zu gelangen – für uns ist es die letzte Station eines ungewöhnlichen, beeindruckenden Roadtrips vor dem Rückflug.

Beat Eichenberger


Der erste Teil des Gold-Rush-Logbuchs erschien gestern, die ganze Reportage ist hier abrufbar!