«Wir müssen lernen, wie wir mit dieser Krankheit leben»

Im TRAVEL INSIDE SPOTLIGHT geht die Verkaufschefin von DER Touristik Suisse/Kuoni auf die Forderung «Testen statt Quarantäne» ein.
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Annette Kreczy, wie drückt das Coronavirus auf die Gemütslage und das tägliche Arbeitsklima im Betrieb und wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich habe ab und zu meinen Corona-Blues. Dann geht es mir einen Tag lang schlecht. Am Anfang der Krise hatte ich das alle zwei drei Tage. Inzwischen bin ich bei einem Tag im Monat. Das heisst, ich gewöhne mich langsam daran, dass das Thema Corona immer da ist und wir uns jetzt bereits seit über 6 Monaten im Krisenmodus befinden. Aber ja, auch mich persönlich stresst und frustriert Corona ab und zu extrem.

Das merkt man auch bei unseren Mitarbeitern, insbesondere eben auch in den letzten Wochen, wo wir zusätzlich zu der ganzen Krise auch noch Entlassungen verkünden mussten. Da war die Stimmung naturgemäss auf dem Tiefpunkt. Ich habe aber das Gefühl, dass sich langsam wieder etwas Zuversicht einstellt und das wir wieder optimistischer in die Zukunft schauen. Trotzdem ist es eine riesige Herausforderung, die jeder von uns täglich meistern muss.

Worauf beruht denn Ihre optimistische Einschätzung?

Ich bin zuversichtlich, dass Impfprogramme demnächst zugelassen werden und wir mit Schnelltests bessere Möglichkeiten finden werden mit der Krise umzugehen.

Würden Sie sich impfen lassen?

Wahrscheinlich ja. Das ist aber ein persönlicher Entscheid, das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Werden in den Büros von DER Touristik Suisse Masken getragen?

Nein, aber unsere Büros sind im Moment, wegen Home-Office, so wenig besetzt, dass wir den Abstand ohne weiteres einhalten können.

Die grosse im Raum stehende Forderung der Reisebranche heisst: «Testen statt Quarantäne» – Wie sehen Sie das?

Das unterstützen wir und ich persönlich absolut. Das Thema Reisen wird in der Schweiz nach wie vor völlig über einen anderen Kamm geschoren als andere Branchen. Die generellen Massnahmen (Hände desinfizieren, Masken tragen, Abstand halten) sind gut und kann man überall einhalten.

Warum wird reisen verteufelt? Ich kann mich auch genauso in vielen anderen Ländern an die Hygienerichtlinien halten und es hängt auch davon ab, wie verantwortungsbewusst man sich verhält. In Frankfurt wurden in den letzten Wochen die Rückkehrer aus Risikoländern flächendeckend getestet. Wir haben die Auswertungen von diesen Tests. Die Inzidenz ist im Schnitt 0,8%. Für klassische Reiseländer ist die Inzidenz gar nur bei 0.5 Prozent. Daraus sieht man, dass Reiserückkehrer, insbesondere die, die irgendwo in einem Hotel Ferien gemacht haben, nicht das Problem sind. Deshalb ist es komplett unverständlich, weshalb jemand der aus seinem Ferienhaus in Spanien in die Schweiz zurückkehrt 10 Tage in Quarantäne muss und jemand der in einer Disco in der Schweiz war nicht.

Die Tests haben heute eine Genauigkeit von 98,5%. Ja, es gibt Reisende, die sich erst auf dem Rückflug oder am Flughafen infiziert haben und mit den Tests allenfalls nicht «gefunden» werden. Aber wenn man das Risiko in Relation zum volkswirtschaftlichen Schaden, der durch die Quarantäne entsteht, vergleicht, dann zweifle ich die Verhältnismässigkeit von pauschalen Quarantänemassnahmen stark an.

Es ist ein schwieriges Thema. Aber eben, darüber wird sonst nicht geredet. Ausserdem ist auch der Zeitpunkt der Kommunikation des BAG, wenn sie die Liste aktualisieren, überhaupt nicht in unserem Sinn. Am Freitagnachmittag um 15.00 Uhr haben wir praktisch keine Chance mehr darauf zu reagieren. Hier sind wir auch im Gespräch mit dem BAG.

Bietet Kuoni/DER Touristik ihren Kunden Tests an?

Ja, in unseren Filialen haben wir die anerkannten PCR-Tests von Viselio, die wir unseren Kunden für 165 Franken pro Test verkaufen. Damit können sie den Abstrich selbst machen, dann an ein Labor schicken, wo der Test ausgewertet wird und erhalten das Resultat per Mail.

Für die Zukunft sehe ich Schnelltests, die jetzt kommen sollen und beispielsweise von der Alitalia bereits vereinzelt genutzt werden. Da liegt der Kostenpunkt voraussichtlich bei 10-15 Euro. Das ist dann auch ein Preisniveau, wo flächendeckend, zum Beispiel auch auf Kreuzfahrten, getestet werden könnte. Ausserdem liegt das Resultat bereits nach einer Viertelstunde vor.

Hätte eine Reduktion der Quarantänedauer einen positiven Einfluss auf die Umsatzzahlen?

Nein, das hätte keinen Effekt. Ob ich jetzt zehn, sieben oder fünf Tage in Quarantäne muss, spielt keine Rolle.

Was ist denn Ihr persönlicher Wunsch an Bundesrat Alain Berset?

Eben. Testen statt Quarantäne. 1-2 Tage in Quarantäne auf ein Ergebnis zu warten ist vertretbar, aber länger nicht. Zudem würde ich mir wünschen, dass die Quarantäneliste im Dialog mit den grossen Schweizer Reiseunternehmen gemacht wird, damit wir beispielsweise auch sagen können, für welche Länder eine Regionalisierung sinnvoll wäre.

Ein Blick in die Glaskugel: Wie wird sich das Thema Quarantänepflicht in den nächsten Wochen entwickeln?

Ich bin so ein bisschen hin und her gerissen, weil die Schweiz nicht als einziges Land dieses Problem hat. Selbst wenn wir hier die Quarantäne aussetzen würden, hilft uns das nur begrenzt. Da die Fallzahlen in der Schweiz wieder steigen, reagieren nun viele Länder und lassen Schweizer nicht mehr einreisen. Es würde aber auf jeden Fall die Planbarkeit erhöhen und gerade in Ländern ohne Restriktionen würde es zu mehr Buchungen führen.

Wir müssen lernen, wie wir mit dieser Krankheit leben, wir können nicht die nächsten Jahre so weiterleben, wie wir es heute tun. Reisen ist nicht nur Ferien, Reisen ist auch das Thema Dienstreisen. Auch für die Schweizer Volkswirtschaft ist Reisen ein massgeblicher Teil des Bruttosozialprodukts. Man wird sich diesen Reise-Lockdown nicht mehr sehr lange leisten können. Deshalb wird auch der Druck auf das Thema Grenzöffnungen und Liberalisierung der Reiserestriktionen so gross, dass sich da was ändern muss.

(Interview: YS/AH)